Dann wurde ich entlassen. Der Untersuchungsrichter entschuldigte sich bei mir, betonte jedoch, es läge im Interesse des Reiches, eher neunundneunzig Gerechte irrtümlich zu bestrafen, als einen einzigen entwischen zu lassen… Und so stand ich am Abend vor dem Tor des Zuchthauses Pankrác, , und mir nach folgte ein Mann, der ebenfalls entlassen wurde… und als dieser heraustrat, brach er zusammen und setzte sich auf den Gehsteig. Die Straßenbahnen fuhren violett verdunkelt vorbei, die Fußgänger strömten straßauf und straßab. Junge Leute hielten sich an der Hand, und Kinder spielten in der Dämmerung, als wäre überhaupt nicht Krieg, als gäbe es auf der Welt nur Blumen und Umarmungen und verliebte Blicke, und die Mädchen trugen ihre Blusen und Röcke so raffiniert, dass auch ich voller Lust das schaute, was für männliche Augen aufbereitet, was absichtlich alles in eine erotische Perspektive gerückt war…
„Ist das schön“, sagte der Mann, nachdem er zu sich gekommen war und ich ihm meine Hilfe angeboten hatte… „Wie lange?“ fragte ich, und er sagte, er habe zehn Jahre abgesessen. Dann wollte er aufstehen schaffte es aber nicht, ich musste ihn abstützen, er fragte, ob ich es eilig hätte. Und ich verneinte, und als er mich fragte warum ich gesessen hätte, antwortete ich: “Wegen illegaler Tätigkeit“, und ich musste ihm in die Elektrische hineinhelfen, und wieder gab es überall, in der Bahn und draußen, massenhaft Menschen, und alle schienen von einem Tanzvergnügen zu kommen oder dorthin zu gehen, und ich bemerkte zum erstenmal, dass die Pragerinnen eigentlich schöner waren als die deutschen Frauen, dass sie mehr Geschmack hatten, dass die deutschen Frauen alles wie eine Uniform trugen, dass Kleider und Dirndl und grünen Kostüme und Jägerhütchen immer etwas Soldatisches an sich gehabt hatten… Und so saß ich neben einem ergrauten jungen Mann, er mochte um die dreißig sein, nicht mehr, und ich sagte zu ihm, dass er trotz der grauen Haare nicht so alte sei, und als ich ihn kurzerhand fragte: „Wen haben sie umgebracht?“, zögerte er eine Weile, schaute dann lange auf die üppige Brust eines Mädchens, das sich mit einer Hand am Haltegriff der Straßenbahn festklammerte, und fragte mich: „Woher wissen Sie das?“ Und ich sagte, ich hätte den abessinischen Kaiser bedient…
Und so erreichen wir die Endstation der Elf, und es war schon dunkel, und der Mörder fragte mich, ob ich mit ihm zu seiner Mama mitgehen würde, ob ich ihn begleiten würde, weil er unterwegs hinfallen könnte, und so rauchten wir und warteten auf den Autobus, der bald kam, und fuhren drei Stationen und stiegen bei Koniceks Mühle aus. Der Mörder sagte, er gehe lieber hintenrum, über das Dorf Makotrasy, um früher daheim zu sein, vor allem um seine Mama zu überraschen und um Vergebung zu bitten… Ich sagte, ich gehe nur bis zum Dorfrand mit, bis vors Tor seines Vaterhäuschens, dann würde ich zur Hauptstraße gehen und per Anhalter weiterfahren, und ich machte das alles nicht aus Mitleid oder Liebenswürdigkeit, sondern dachte ständig daran, mir möglichst viele Alibis zu verschaffen, bis einmal der Krieg aus wäre, und der war bald aus….
So wanderten wir, durch die Sternennacht, die staubige Straße führte uns durch ein verdunkeltes Dorf und von dort in einen feuchte Landschaft, so blau wie Kopierpapier, mit einer schmalen Mondsichel, die orangefarben leuchtete, und hinter oder vor uns oder über die Gräben seitlich, kaum erkennbaren Schatten warf…
Wir gelangte auf einen kleinen Hügel, der so winzig war, als hätte die Erde nur Luft geholt, und er sagte man könne jetzt von hier schon seinen Geburtsort und sein Dörfchen sehen, doch als wir oben standen, war nicht ein einziges Gehöft zu erkennen…
Der Mörder zögerte und erschrak beinahe. „Das ist doch nicht möglich… Sollte ich mich geirrt haben? Wahrscheinlich hinter dem nächsten Hügel…“, doch als wir hundert Meter weiter gegangen waren, befiel uns beide die Angst. Jetzt zitterte der Mörder noch mehr als in dem Augenblick, da er aus dem Tor des Zuchthauses Pankràc getreten war. Er setzte sich hin, rieb sich die Stirn, die so glänzte, als flösse Wasser über sie… „Was ist los?“ fragte ich.
Hier war das Dorf es ist verschwunden – entweder sehe ich Gespenster, oder… Bin ich verrückt geworden, oder was?“ stammelte der Mörder. Ich fragte nach dem Namen des Dorfes, und er sagte: „Lidice…“ Ich bemerkte nur: „Na ja, das Dorf ist eben weg, die deutschen haben es zerbombt und den Rest ins KZ gebracht.“ Der Mörder fragte weiter: „Und warum?“ Ich sagte, weil der Reichsprotektor ermordet worden sei und die Spur der Mörder hierher geführt habe…
Der Mörder saß da, die Hände hingen zwischen den gekrümmten Knien herunter wie zwei Schwimmflossen… Dann erhob er sich, ging wie betrunken durch die Mondlandschaft und blieb vor einem Pfahl, vor einem Pfahl stehen, vor dem er niederfiel und ihn umarmte, doch das war kein Pfahl, sondern der Stamm eines Baumes, ein einziger abgehauener Ast ragte aus ihm heraus, als habe derman an diesem Ast Menschen erhängt. „Hier also“, sagte der Mörder, „hier, das ist unser Nussbaum, hier ist unser Garten gewesen, und hier“ – er ging langsam weiter -, „hier irgendwo…“ Er kniete nieder und tastete mit den Händen nach den verschütteten Grundmauern des Hauses und der Wirtschaftsgebäude. Gewiß folgte er einer von der Erinnerung verstärkten Blindenschrift, und nachdem er auf den Knien sein ganzes Elternhaus ertastet hatte, setzte er sich and den Baumstamm und schrie: „Ihr Mörder…!“ Er stand auf und, ballte die Fäuste, und blaue Adern traten ihm am Hals hervor, und als er nicht mehr schreien konnte, setzte er sich auf die Erde, beugte sich nieder, legte eine Hand unter das Knie, wippte wie in einem Schaukelstuhl, und schaute auf den Ast, der die Mondsichel durchstach, und sprach, als beichtete er: „Ich hatte einen schönen Papa, er war schöner, als ich jetzt bin, und er liebte die Frauen, und die Frauen liebten noch mehr meinen Papa… Er ist der Nachbarin nachgestiegen, und ich war eifersüchtig auf ihn, und Mama halt sich gequält, und ich hab gesehen, wie Papa… Sehen Sie das? Hier am Ast hat er sich festgehalten, und wenn er schaukelte, dann hat er scih so geschickt losgelassen, dass er auf der anderen Seite des Zaunes landete, und dort lebte die schöne Nachbarin, und eines Tages habe ich dem Papa aufgelauert, und als er über den Zaunsetzte, haben wir uns gezankt, und ich hab meinem Papa mit der Axt erschlagen… nein, erschlagen hab ich ihn nicht wollen, doch er sollte nur die Mama liebhaben, und die Mama hat sich gequält… Und jetzt ist von alledem nur der Nussbaumstamm geblieben, und meine Mama, die ist sicherlich auch tot…
(aus Hrabal Bohumil, ich habe den englischen König bedient)
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