Montag, Mai 29, 2006

Rahwana, die verlorengegangene Stute

aus „Söhne Der Wüste“ (Carl Raswan, alias Schmidt)

Der Wüstenaraber kämpft immer für das, was er braucht. Eher lässt er sich in eine Schlägerei ein, als dass er sich durch unehrliche Mittel einen Gewinn verschafft. Beutemachen unter Einsatz des eigenen Lebens hat für ihn nichts Ehrenrühriges, wohl aber der gewöhnliche Diebstahl, und niemals unterschlägt er einen Fund. Ich war Scheich Halid Iben Schalans Gast, als einer seiner Löhne an Typhus erkrankte.

Diese Seuche ist in der Wüste selten, denn das Wanderleben der Beduinen ist sehr gesund. Je tiefer man ins Innere reist, desto keimfreier werden Luft und Boden durch den Einfluss von Sonne und Wind. Indessen kann das Wasser gefährlich werden, wenn es in Regenpfützen und Löchern brackig geworden ist und die Kadaver toter Tiere darin faulen. Der Beduine rührt daher selten stehendes Wasser an. Er zieht die Milch seiner Herden vor. Ich pflegte den typhuskranken Knaben einige Wochen, bis ich sicher war, dass er genesen würde. Während dieser ganzen Zeit setzten wir unsere tägliche Wanderung fort und führten das kranke Kind in einer halbmondförmigen Kamelsänfte, wie sie von den Frauen und Kindern der Scheichs benützt werden, behutsam vom Zeltplatz zu Zeltplatz. Sobald das Lager am Nachmittag aufgeschlagen war, stattete ich dem Zelt meine Freundes Halid einen Besuch ab, um nach seinem Söhnchen zu sehen.

Jedesmal stand eine Schimmelstute zwischen den Zeltseilen. Sie machte einen halbverhungerten Eindruck und war offenbar so schwach und abgezehrt, dass niemand sie mehr reiten mochte. Nach lagen und erschöpfenden Kriegszügen wurden viele Rennkamele und Stuten fast ein ganzes Jahr sich selbst überlassen, um sich langsam zu erholen, doch versorgte man sie mit Extrarationen von Gerste, Datteln und Milch. Diese magere kleine Stute hielt sich an den wandernden Stamm und schien Halids Zelt allen anderen vorzuziehen, da ich sie immer dort fand.

Gemäss dem ungeschriebenen Gesetz der Wüste erwartet man von dem Finder eines erirrten Tieres nicht, dass er es füttert oder sich sonstwie des unglücklichen Geschöpfes annimmt. Er ist nicht einmal berechtigt, es anzurühren oder zu tränken. Er muss es seinem Schicksal überlassen. Wenn der Besitzer auftaucht und entdeckt, dass sein Tier versorgt wurde, nimmt er ohne weiteres an, dass die Pflege aus gewinnsüchtigen Gründen erfolgt sei. Lange Jahre des Zusammenlebens mit Beduinen hatten mich gelehrt, dass sie ihre Tiere niemals mißhandeln, noch grausam zu ihnen sind außer aus Gründen, die auf uralte, barbarische Bräuche zurückgehen. In diesem höchst unglücklichen Fall der verirrten Stute war Halid das Los auferlegt, grausam zu sein. Er mußte auch dann gleichgültig erscheinen, wenn er es nicht war. Vor unseren Augen starb die Stute an Hunger und Durst. Keiner warf ihr einen Blick zu, wenn er an ihr vorüberging. Sie fand kein Mitleid.

Ich mußte daran denken, dass Halid auf dem großen Hungermarsch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges seine eigenen Kinder tagelang ohne Nahrung gelassen hatte, um Milch zu sparen für eine berühmte Stute, die ihm anvertraut worden war. Die Stute blieb am Leben, aber zwei von Halids eigenen Söhnen waren dem Tod durch Entkräftung nahe. Monatelang waren sie zu schwach, um auch nur einen Schritt zu gehen, und erholten sich erst, als sie zu Iluwi, Nuris Sklaven, in eine Oase am Wadi Sirhan gebracht wurden, wo sie den ganzen Winter in einem Garten lebten und sich nach Herzenslust an Obst und Milch erlaben konnten. Halid war ein strenger Mann und vielleicht ein gefühlsharter Vater, dennoch liebte er seine Kinder und die arabischen Pferde; nur hing er nicht weniger an den alten Bräuchen, die ihm heilig waren und unantastbar.

Ich wußte, dass sein Sinn sich nicht beugen ließ, dass es für ihn keine Ausnahme im Gesetzt der Wüste gab. Die verirrte Stute war für ihn einfach nicht da. Aber der Anblick des schuldlosen Tiers, das in solcher Qual starb, brach mir fast das Herz.. Ich frage Halid, ob ich nicht das Pferd in mein Zelt führen und für sein leibliches Wohl sorgen dürfe. Der Blick, den er mir zuwarf, war von durchdringendem Ernst, und eine Weile saß er schweigend da. Dann erwiderte er kühl, dass er kein Recht hätte, Einspruch zu erheben, denn ich sei ein Fremdling und sein Gast; aber ich möge bedenken, fügte er warnend hinzu, dass man mich wegen meiner Handlungsweise verachten würde. Ich war immer sorgfältig bemüht gewesen, die Gefühle der Beduinen zu schonen; doch diesmal war mein Mitleid größer als alle anderen Bedenken. Ich erhob mich und kehrte zu meinem Zelt zurück. Dann nahm ich eine große hölzerne Schale, melkte zwei von meinen Kamelen und brachte das Gefäß mit frischer Milch der hungernden Stute. Als ich mich ihr näherte, hob sie plötzlich den Kopf. Sie hatte die süße Milch gerochen, und diese Witterung hatte genügt, ihr neue Kraft zu geben. Mit einem schwachen Wiehern tauchte sie die fiebernden Lippen in den duftenden Schaum und leerte die Schale mit wenigen tiefen Zügen. Dreimal mußte ich zu meinen Kamelen zurückkehren, die sieben oder acht Liter ihrer Nährkraft willig hergaben. Damit war die Stute gerettet. Von diesem Tag an behielt ich sie in meinem Zelt. Sie erholte sich schnell; bereits eine Woche später konnte ich sie zu neuen Weidegründen reiten.

Einige Monate vergingen, ohne dass sich der eigentliche Besitzer der Stute sehen ließ. Doch das Benehmen meiner Freunde mir gegenüber hatte sich geändert. Sie hielten sich scheu zurück und schienen mich wirklich im geheimen zu verachten, obwohl ich öffentlich erklärt hatte, dass ich die Stute sofort ihrem rechtmäßigen Herrn ausliefern würde, wenn er käme und sich als solcher auswiese. Wenn Besucher und Gäste aus anderen Stämmen bei und vorsprachen, führte ich ihnen Rahwana stets vor und bat sie, mir beim Auffinden ihres Besitzers u helfen. Aber all mein Lohn waren Vorwürfe, dass ich der Hand Allahs Einhalt geboten hätte.

Eines Tages erschien ein Fremder mit seinem Sklaven und machte es sich im Zelt des Scheichs bequem. Ich ging hinüber und saß in der Versammlung der Männer, ihrer Rede lauschend. Schon bei ihrer Ankunft hatten wir erraten, dass unsere Gäste Feinde waren. Die Überlieferung der Araber erlaubte uns nicht, sie zu befragen, ihnen hingegen, mit uns zu leben, zu wandern und zu jagen, solange es ihnen gefiel , ohne jemals ihr Woher und Wohin zu enthüllen. Als der Fremde scheinbar beiläufig erwähnte, dass er seine Stute verloren hätte, und sie beschrieb, sagte Halid ihm, dass sich ein Pferd dieses Aussehens bei uns eingefunden hätte, Dann wies er auf mich und bat seinen Gast, ihm zu verzeihen, dass er mir erlaubt hätte, sich der Stute anzunehmen. Der Besitzer möge jetzt gehen und sein Eigentum zurückfordern. Schweigend erhob sich der Gast mit seinem Sklaven und bat, ihm den Weg zu meinem Zelt zu zeigen. Freudig bot ich ihm meine Führung an und erzählte ihm unterwegs, wie glücklich ich sei, dass er sein Pferd wiedergefunden hätte. Der Mann blickte starr und schweigend geradeaus, ohne auch nur ein einziges Wort an mich zu richten. Rahwana begrüßte ihn mit lautem freudigem Wiehern des Erkennens. Kein Zweifel, er war der Herr. Als er seine Stute bestieg, wandte er mir den Kopf zu und zischte in schneidendem Hohn: Du Diebesseele! Er hatte nicht das Wort „Faris“ gebraucht, das eine schmeichelhafte Bedeutung gehabt hätte; denn unter einem Pferdedieb versteht man einen Mann, der furchtlos in die Weidegründe des Feindes eindringt und sich die begehrte Stute „nimmt“, wodurch er eine Art Kavaliersehre gewinnt, die von Freund und Feind anerkannt wird. Nein, er hatte mich mit einem Wort gekränkt, dem Feigheit und Niedertracht anhaften. Ebenso erzürnt über die Unverschämtheit wie über die Undankbarkeit, die sich in der Beleidigung kundtat, ergriff ich sein Pferd beim Halfter. Jetzt wollte ich ihn zwingen, Namen und Stammeszugehörigkeit zu bekennen. Du bist verschlagen genug, in unser Lager zu kommen und die Stute zurückzufordern, ohne uns wissen zu lassen, wer du bist. Doch wer bezeugt mir, dass du die Wahrheit strichst? Der Pfeil saß. Er sprang vom Pferd und zog seinen Dolch. Doch sein Sklave warf sich dazwischen und entwaffnete ihn, indem er ihm vorhielt, welch ein Unglück er durch den Bruch des Gastrechts auf sich und die Seinen herabbeschwören würde. Dann wandte sich der Sklave an mich und gab die verweigerte Auskunft: Wir sind Amarat aus der Sippe Ibn Haddals, und die Stute gehört uns von Rechts wegen. Inzwischen hatte sich uns Halid mit seinem Gefolge von Verwandten und Sklaven genähert. Er warnte den Amarat, dass er in drei Tagen, wenn sich Brot und Fleisch seiner Gastfreundschaft im Bauch gedreht hätten, aller >Pflichten enthoben sei und ihm die Stute abjagen könne. Darauf hatte der Amarat nur ein Hohnlächeln. Beim Davonreiten gipfelten seine spöttischen Bemerkungen in dem Wunsch, dass wir schnellere Kamel ritten als er und sein Sklave und unsere Pferde ausdauernder wären als Rahwana. Ich hatte oft bedauert, dass der Benzinmotor der modernen Welt seinen Einzug sogar in die Einsamkeit der Wüste gehalten hatte ; doch jetzt war ich froh, dass ich mein Auto bei mir hatte und es Halid anbieten konnte, um seinen Feind zu verfolgen. Drei Tage nach dem Aufbruch des Amarats aus unserem Lager bestieg ich mit Halid und zwei Mann seiner Leibgarde meinen Wagen, und die Jagd begann. Obwohl wir die Spuren der Flüchtlinge zeitweilig verloren, fanden wir sie im unberührten Sande und in den ausgetrockneten Flußbetten stets wieder und überholten die Gesuchten nach einer Fahrt von acht Stunden, wobei wir eine Entfernung zurücklegten, die uns auf Kamelen ebenso viele Tage gekostet hätte. Der Amarat und sein Sklave ergaben sich ohne Kampf, und wir erhielten die verlorengegangene Stute zurück. Als ich Rahwana bestieg, um mit ihr davonzureiten, sah ich Tränen in den Augen ihres Herrn, und diese Tränen wuschen alle erlittene Kränkung aus meinem Gedächtnis. Ich stieg ab und legte das Halfter in seine Hand. Habe ich jetzt deine Stute rechtmäßig nach dem Gesetzt deiner Väter und mit der Kraft meiner Hand erworben? Das tatest du, antwortete er. So gebe ich dir Rahwana vor diesen Zeugen zurück und verlange nichts von dir als das Erstgeborene ihres Leibes! Ohne ein Wort zu erwidern, band der Amarat die Stute am Gurt seines Kamelsattels fest und ritt mit ihr und seinem Sklaven davon. Ich schaute Rahwana nach, und der Gedanke, dass ich sie nie wiedersehen würde, würgte mich ; aber trotz allem war es mir ein Trost, dass die Beschämung auf seiten unseres hochmütigen Feindes war. Als ich später meinen Zweifeln Ausdruck gab, ob der Amarat sein Wort halten würde, zu dem er sich stillschweigend verpflichtete, indem er Rahwana von mir als Geschenk annahm, hielt Halid seine Hand hoch. Sieh diese fünf Finger, jeder ist anders, und keiner ist gleich lang. Vier stehen zusammen und halten zueinander in Freud und Leid – einer bleibt abseits, der Daumen. So auch wir Menschen. Sind wir nicht alle verschieden und kommen doch im allgemeinen gut miteinander aus? Doch hin und wieder gibt es einen Eigenbrötler, der sich absondert, obwohl er niemals ganz von seinesgleichen fortkann, sondern mit den andern zusammenarbeiten muß, wenn er dazu gezwungen wird. Ich glaubt zu wissen, dass Hochherzigkeit nicht zu den Wesenszügen des Amarats gehörte. Vielleicht wohnte nicht einmal das Ehrgefühl des echten Beduinen in seiner Seele. Darauf erwiderte Halid, er wäre vielleicht ein „Daumen", dünkelhaft, undankbar und anmaßend. Solche Männer ertrügen die Gemeinschaft der Wüstenvölker nicht. Sie wären Unruhestifter, und ihrem Wort wäre nicht zu Trauen. Ich begann die Hoffnung aufzugeben, dass ich jemals das Erstgeborene Rahwanas zu Gesicht bekommen würde, das Fohlen der verlorengegangenen Stutze, die ich so tief ins Herz geschlossen hatte ; wie tief, hatte ich freilich erst gefühlt, als sie von mir gegangen war. Auf ein Fohlen zu warten, von dem man noch nicht einmal weiß, ob es empfangen worden ist, das ist eine undankbare Aufgabe. Doch dem Beduinen ist das gegebene Wort heilig. Erst als Rahwana ein Füllen geboren hatte, sollten wir erfahren, dass wir es mit einem redlichen Manne zu tun gehabt hatten. Ihr Herr ließ mir sagen, dass er der kleinen Stute den Namen "Sakkah" gegeben habe, und das bedeutet: "Die mit Eisen Gefesselte". Gefesselt durch ein heiliges, noch vor ihrer Geburt gegebenes Versprechen. Als Sakkah zwei Jahre alt war, kam sie in meinen Besitz. Ich war in dieser Zeit zwischen Kalifornien und Arabien hin- und hergereist und seit Jahren nicht mehr bei den Amarat gewesen..Sein Sklave überreichte mir das "Bild" seiner Mutter, nur in einem Punkt glich es ihr nicht. Sakkah war braun, und Rahwana war eine Schimmelstute gewesen – rein weiß - , und weiß war auch, wie der Beduine es ausdrückt, das Herz ihres Herrn. Als das Füllen ein Jahr alt gewesen war, hatte er seinen Sklaven mit Rahwanas Tochter zu Halids Zelt gesandt, denn Halid hatte mich zu jener Zeit als Wintergast erwartet. Ich aber befand mich in Kalifornien. Geduldig wartete der Sklave ein ganzes Jahr auf mich. Er hatte von seinem Herrn den Befehl empfangen, mir Sakkah mit seinen eigenen Händen zu übergeben oder nie mehr zurückzukommen. So will es das Gesetzt der Wüste, und Zeit ist nicht mehr als ein Sandkorn. Nur das Wort, zu dem sich ein Mann verpflichtet hat, ist von großer und ernster Bedeutung, denn es wurde am Anfang auf die Zunge des Menschen gepflanzt als das Saatkorn, das in die Ewigkeit hineinsprießt, ein heiliger Mittler zwischen Gott und Mensch, die Bürgschaft dafür, dass in der Unendlichkeit der Wüste der Mann mit dem Manne im Vertrauen leben kann, in unerschütterlicher Sicherheit, dass dem gegebenen Wort unwandelbar auch die Erfüllung folgen wird.