MIT äußerstem Erstaunen bemerkte er an der Bushaltestelle ein schneeweißes Einhorn. Die Sache erstaunte ihn sehr, zumal im Traktat über die DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN ein ganzes Kapitel vom Einhorn gehandelt hatte; er war damals ziemlich kompetent gewesen bezüglich der DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN, und hatte ausgezeichnete Zeugnisse erhalten, ja sein Professor hatte ihn sogar ermuntert, ein Spezialist für DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN zu werden. Es versteht sich von selbst, daß man beim Studium der DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN auch die Gründe klarlegt, warum sie nicht existieren können, sowie die Modi, in welchen sie nicht existieren: zumal die DINGE unmöglich, widersprüchlich, unvereinbar, außerraumzeitlich, antihistorisch, rezessiv und implosiv sein und noch in vielen anderen Modi nicht existieren können. Das Einhorn war absolut antihistorisch, und doch stand da eins an der Bushaltestelle, und die Leute schienen sich nicht darüber zu wundern, aber des Außerordentlichen war noch kein Ende: das Einhorn tuschelte nämlich — man kann es nicht anders nennen — mit etwas, das er nicht sehen konnte; dann kam ein Bus und das Einhorn grüßte den Jemand, den er nicht sehen konnte und stieg ein, wobei es einen Ausweis wie man sagt »vorwies«; und da entpuppte der jemand sich als ein Basilisk mittlerer Größe, mit sehr dicken schwarzen Augengläsern. Der Basilisk war ein kompliziertes Tier und seine lnexistenz gründete auf »Übermaß«;~ außerdem war er ein Tier, das als gefährlich beschrieben wurde — seine Augen besaßen »unmögliche« Kräfte — und ihm kommt der Gedanke, daß der Basilisk deswegen die Augengläser trug. Der Basilisk hatte eine Mappe unterm Arm, und als ein Bus näherkam, öffnete er sie und zog etwas heraus — war es nicht ein Medusenhaupt? — etwas, das sich die Busnummer ansah und sie ihm dann mitteilte, denn eins war klar: mit jenen Augengläsern konnte er nichts sehen. Der Spezialist in den DINGEN, DIE NICHT EXISTIEREN war ziemlich verwirrt; war er womöglich verrückt? Es schien ihm nicht so. Er begann, ziellos umherzuirren und begegnete einem Waldbock, einem Phoenix und einer Doppelschleiche auf dem Fahrrad; ein Satyr fragte ihn nach der Macedonio-Melloni-Straße und ein Herr mit dem Kopf mitten auf der Brust fragte ihn nach der Zeit und bedankte sich höflich. Als er dann anfing Feen, Elfen und Schutzengel zu sehen, hatte er den Eindruck, seit jeher in einer von den Menschen verlassenen oder mit Komparsen bevölkerten Stadt gelebt zu haben; und jetzt fragt er sich, ob nicht auch die WELT — ja gerade die WELT — ein DING sei, DAS NICHT EXISTIERT!
aus Luigi Malerba: Närrische Welt
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2 Kommentare:
Sehr schöne Geschichte, nett erzählt! Was heíßt das jetzt für's Bogenschiessen? Existiert das Ziel nicht?? Existiert der Schütze nicht?? Das würde es wirklich einfacher machen.
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