Donnerstag, Dezember 08, 2005

Opferstätten

Es gibt Wünsche deren Erfüllung sich unserem unmittelbaren Zutun verschließt. Um dem Dilemma einer glücklosen Niederlage bei der Verwirklichung unserer Träume und Wünsche zu entgehen, haben wir Menschen interessante Strategien entwickelt, die helfen. Wir geben etwas, was uns wertvoll ist und opfern es auf einem Altar, einer Opferstätte, vordergründig um die Mächte des Schicksal für unser Begehren wohlgesonnen zu machen, doch was beim Ausführen dieser Handlung noch viel wichtiger ist, wir nehmen damit vom unmittelbaren Drängen unseres Wunsches Abstand und lösen so eine große Menschheitsaufgabe. Wie das?

Opfern ist ein interessanter Vorgang, der wenn korrekt ausgeführt immer gelingt, da er auf einer großen Weisheit und Menschenkenntnis gründet. Gemeinhin halten wir Opferstätten für Relikte und damit Zeichen eines magischen, urzeitmenschlichen, beinahe schon instinktnahen Verhaltens. Doch genau das ist es nicht. Opfern nach dem bisher skizzierten Verständnis kann nur derjenige, der anerkennt hat, dass nicht jedes Geschehen von seinem unmittelbaren und kurzfristigen oder langfristigen Handlungen und Bestrebungen abhängt. Dass es keine zwingend kausale Verbindung zwischen Handlung und Wirkung gibt, worauf seine Wunscherfüllung aufbauen könnte und Nahrung fände.

Dieses Weltverstehen verlangt bereits eine hohe Abstraktionsfähigkeit des Menschen, das eben nicht magischen Ursprungs oder nur instinktbehaftet ist. Doch opfern bedeutet noch mehr, denn allein die Anerkenntis des nichtkausalen 'Schicksals' löst nicht den Drang des Wünschens. In der Opferhandlung verbirgt sich das Trennen von Wertvollem und zwar entgültigem Abtrennen, denn das Geopferte wird nicht anderen Mesnchen anvertraut, die etwa beim 'Schicksal' ein gutes Wort einlegen könnten, sondern direkt der jenseits unserem Verständnis arbeitenden Schicksalsmacht selbst. So verstanden besiegelt die Opfergabe unser Anerkenntnis dem Schicksal ausgeliefert zu sein und ist Sinnbild für den hingegebenen, der Schicksalsmacht anvertrauten Wunsch.

Diese (Hin-)Gabe an das Schicksal bedeutet somit Lösen von Verstrickungen, die durch den Wunsch selbst in uns erzeugt wurden und damit ein Zurückkehren zu einer unvoreingenommenen, ja befreiten Lebensführung. So verstanden ist Opfern und sind Opferstätten Zeichen für Menschen, die sich aus ihren Wünschen befreiten, indem sie deren Erfüllung dem Schicksal anvertrauten. Sie sind Zeichen einer überaus hoch stehenden Kultur und Zivilisation.

4 Kommentare:

obsto hat gesagt…

Ja, du hast recht. Und in der Tat ist das Opfer umso stärker, je wertvoller das Opfer ist, je lieber dir das Opfer(tier) ist. Ich habe beim islamischen Schlachten immer wieder die tiefe Wahrheit des Opferns erlebt, wenn ich mich mit dem Opfertier zuvor beschäftigt und angefreundet hatte. Du opferst dann nicht irgendetwas Stoffliches, sondern du opferst dich selber. Das erscheint mir der eigentliche Urgrund und Ursinn dieser Handlung zu sein.

Im Quran steht: "Gott hat die Menschen nur erschaffen, damit sie ihm dienen." Alles andere hat keinen Bestand. Wenn wir es schaffen, in alle unsere Handlungen dieses "Dienen am höchsten Ziel" einzubringen, dann erfüllen wir unser Schicksal. Wenn wir diese Wahrheit jedoch vergessen, dienen wir nur unserem Ego. Das Opfer erinnert uns an diese Wahrheit und damit an den eigentlichen Sinn unseres Lebens.

michellangley9160 hat gesagt…

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michael w. leva hat gesagt…

auch wenn ich bei weitem nicht eure spirituelle intensität erreiche, ein beispiel für ein "opfer" aus dem alltäglichen bei mir zuhause. wir haben seit einiger zeit eine bronzestatue des prinzen siddharta, des buddha, bei uns im wohnzimmer stehen. er hat einen tollen platz und jedes mal, wenn ich ihn anschaue, spüre ich, wie eine gelassenheit und friedfertigkeit über mich kommt. als aufbrausendem und sehr zu (ungerechtem) zorn neigendem gemüt tut mir das sehr gut. im sommer hält dieser buddha oft eine blüte in der hand, die katya oder ich vom spaziergehen mit dem hund mitbringen oder auch irgendwo kaufen. und - ich kann nicht erklären, wieso - es scheint dem buddha zu gefallen und es gibt mir eine stille zufriedenheit zurück.

nun ist der buddha für mich keine gottheit und soweit nicht mit eurem gott zu vergleichen, aber er ist eine art leitbild, ein zeichen, was der mensch erreichen kann, wenn er sich einlässt auf einen spirituellen weg, einen weg in sich, zur erleuchtung. insofern ist dein kommentar, omar "Das Opfer erinnert uns an diese Wahrheit und damit an den eigentlichen Sinn unseres Lebens." für mich auch schon sehr passend, wenngleich auch in einem unterschiedlichen verständnis zum sein. an so ein opfer zwischendurch zu denken (das kann ein räucherstäbchen sein, eine blüte oder eine schale wein), heisst für mich den geist wachzurütteln aus dem normalen trott, das einem wichtige zu reflektieren und eine friedfertige gelassenheit zu entwickeln. eine schöne sache.

eddtaft0187 hat gesagt…

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